jüngste tochter + schwester sein (müssen)
hört dem ewigen nesthäkchen zu. bitte danke
es gibt themen, die ich in den ecken meines emotionalen gedächtnisses verstauben lassen habe: dass ich immer die jüngste war und dass ich mein geschwister vermisse. beide dinge sind so schmerzhaft präsent in meinem leben, dass ich es nicht mehr weiter aushalten konnte, nicht darüber zu schreiben.
die jüngste bleiben
meine ganzes leben hindurch war ich immer die jüngste (oder – oho! – die zweitjüngste) der klasse, des freundeskreises, der familie. auch jetzt im arbeitsleben bin ich das küken der einrichtung, während meine kolleg*innen großteils aus der generation meiner eltern stammen. lange war ich diejenige, die die versautesten witze kannte und bei so gut wie jeder wette am start war. war ich in meinem ego gekränkt oder fühlte mich herausgefordert, konnte man mich zu so gut wie allem bringen, nur um mich vor den anderen zu beweisen.
während die ‘eldest daughter’ der welt gerade auf tiktok ihre parentifizierung und überforderung verarbeitet, sitze ich hier und frage mich: was ist eigentlich mit uns, den jüngsten? nicht dass es hier ein buhlen darum sein soll, wer es schlechter hatte. come on, das ist nicht mehr zeitgemäß. mir ist nur aufgefallen, dass ich noch nie mit jemandem darüber sprechen konnte, wie es war, immer und überall bevormundet zu werden, ob ich es wollte oder nicht. ich durfte nie verantwortung für irgendetwas tragen und fühle mich bis heute in dieser rolle gefangen.
als ich im grundschulalter war, war ich das geschwisterchen, das vom geschwister oft mit zum spielen mitgenommen wurde (ich fand das bei anderen natürlich mega nervig). dieses “von jemandem wo hin mitgenommen werden” behielt ich mir irgendwie bei. bis vor wenigen jahren hatte ich (oder suchte ich mir?) ausnahmslos freund*innen, die älter waren als ich und versuchte, den altersunterschied zu ignorieren. doch spürbar war unterschwellig dennoch für mich ein “warte noch ein paar jahre, dann hast du das auch erlebt und weißt, wovon wir sprechen“.
viele meinen, der oder die jüngste zu sein, sei bequem. man könne sich immer in der obhut der anderen wiegen und hätte immer einen kreis, in dessen mitte man sich unter den schutzmantel liebevoller geborgenheit begeben könnte. so habe ich diese erfahrung leider nicht gemacht. oft kam ich mir ausgeschlossen vor, weil ich “noch nicht so weit” war oder weil mir einfach grundsätzlich vieles nicht zugetraut wurde. statt vom vertrauen und der lebensweisheiten meiner älteren mitstreiter*innen beflügelt, fühlt ich mich auf wackelige stelzen gestellt. obwohl ich mittlerweile keine acht jahre mehr alt bin, bin ich mir recht sicher, dass meine rolle wohl immer die des jungen kükens bleiben wird.

vielleicht hätte ich all das leichter ertragen, wenn ich nicht auch noch das gefühl gehabt hätte, dass selbst das geschwister mich nur als “die kleine” sah, die vor allem und besonders sich selbst beschützt werden müsste. doch ich fühlte mich ständig so, als wäre ich jemand, den man easy zurücklassen kann.
schwester sein müssen
vorneweg, um es direkt auf den schmerzhaften punkt zu bringen: das geschwister und ich haben nicht das beste verhältnis. über dieses thema zu schreiben war immer etwas, wovor ich mich gedrückt habe. und auch wenn ich mal darüber rede, habe ich sofort einen kloß im hals. es ist seltsam, einen menschen zu betrauern, obwohl er noch lebt. dieses grundfeste vertrauen, das man sich eigentlich vorstellt, wenn man an geschwister denkt – dass da jemand ist, der einen kennt, wie kein anderer –, das ist weg. ist irgendwo auf der strecke geblieben zwischen unbeantworteten nachrichten und einer spaßigen beleidigung zu viel.
es gab eine phase, in der ich frisch aus unserem elternhaus ausgezogen bin - das geschwister hatte uns damals schon einige jahre hinter sich gelassen - und dachte, nun können wir wieder zueinander finden. darin vereint, wie nervig unsere eltern manchmal sein können, erhoffte ich, einen neuen zugang zu uns zu erarbeiten. doch ich fühlte mich jedes mal aufs neue zurückgewiesen und vor den kopf gestoßen, als kontaktversuche ins leere liefen, nachrichten nicht beantwortet wurden und die letzten emotionalen ankerpunkte keinen halt mehr gaben. es ist mir peinlich, zuzugeben, dass ich das geschwister nicht mehr kenne. welche hobbies hat es? was bereitet spaß, bringt ihn zum lächeln? keine ahnung. wenn wir uns sehen, haben wir uns wenig zu sagen, das über small talk hinaus geht. es fühlt sich an wie eine entfernte bekannte person zweimal im jahr auf einen brunch zu treffen, der sich - zumindest für mich - erst mit ein paar gläsern alkohol zu viel einigermaßen entspannt anfühlt. es schmerzt, wie groß das loch in mir mittlerweile ist. ich weiß nicht einmal im ansatz, was in der gegenseite vorgeht.
vor einiger zeit habe ich über meine oma geschrieben. oder besser gesagt: darüber, dass ich keine richtige vorstellung von einer oma habe. für mich war das immer so ein ding, das es nur bei anderen gibt. mit dem geschwister ist es irgendwie ähnlich. auch da gibt es so eine abstrakte idee, die ich ganz verblasst von meinen kindertagen kenne (jemand, der dich versteht, wie kein anderer; jemand, der einfach da ist und dich lieb hat). aber in wirklichkeit ist es inzwischen, als wäre da ein platz am tisch, der immer mitgedeckt wird und dennoch in 98% der fälle leer bleibt. die person, die da sitzen sollte, ist schon längst in einem neuen leben angekommen, in dem ich schon längst keine wichtigkeit mehr besitze.
manchmal würde ich gerne den platz nicht mehr decken, einfach die leere mit irgendetwas füllen und aufhören zu warten. manchmal möchte ich so sehr trauern und getröstet werden, dass es mir weh tut.


Interessanter Text. Mit zwei älteren Brüdern und als Juni-Kind war ich auch (fast) immer die jüngste, dazu lange sehr klein und schmal, also schummeln mit dem Alter war nicht so leicht. Aber ich habe es auch als befreiend erlebt. In der Familie waren viele Kämpfe schon gekämpft und Privilegien ausgehandelt. Ich glaube, man unterschätzt, wie anstrengend es ist, die volle Aufmerksamkeit der Eltern zu haben ^^
Ohh dein Text ging mir gerade so mitten ins Herz. Ich finde mich in vielem was schreibst wieder und fühle mit dir! Ich selbst möchte inzwischen auch keine Beziehung mehr zu meiner älteren Geschwisterperson, die nie das sein konnte, was ich mir erhofft habe, aber wenn ich Freunde mit ihrem Geschwistern sehe trauere ich dieser abstrakten Idee des Geschwisterseins doch hinterher.