realistisch arbeiten
die sache, die den großteil unseres lebens füllen soll und meiner meinung nach immer noch under-hated ist
die vorstellung: im laufe meiner gymi-zeit fliegt mir mein berufswunsch so unfehlbar zu, dass ich ihm kaum ausweichen kann. es ist eh klar, was ich später mal werden will. die erwachsenen um mich herum tun so, als wäre das eine art reifungsprozess, den ein:e jede:r von uns schicksalhaft durchlebt. wie karla kolumna jeden morgen mit einem lächeln zur arbeit geht, weil sie weiß, dass sie die welt ein stückchen besser macht.
das problem: „menschen helfen und analysieren“, das war das einzige motto, das ich mir für meine arbeit vorstellen konnte. als soziologin, dachte ich, könnte ich die ungerechtigkeiten in der welt erforschen und sie dadurch nicht nur aufdecken, sondern auch bekämpfen1. also bin ich soziologin geworden. toll, ich hatte meinen sinn gefunden, doch gebraucht wurde ich halt nicht lol2.
was ich jahrelang über nebenjobs kennenlernte, was die welt braucht, sind unter anderem: gastronomische schuhabtreter:innen für sonntägliche genervte renter:innen, rechtschreibhilfen im verlag, scanassistenzen für verschiedene dozierende. selten hatte ich dabei das gefühl, dass meine arbeit irgendetwas bewegt.
mein kompromiss: ich habe viele nebenjobs und praktika absolviert, durch die ich mich durch die verschiedensten branchen geirrt habe. bewusst entschieden habe ich dabei weniger als erhofft: geld muss rein, das leben kostet ja leider, also werden die prios entsprechend gesetzt. durch mein studium habe ich immerhin das privileg, zugang zu einer größeren palette an berufen zu haben. mein trost ist, dass es vielen anderen so geht: wir tun nur alle so, als wäre das normal und okay.
die vorstellung: nach dem studium steige ich mit 60.000 euro im jahr grundgehalt ein, denn durch die letzten jahre meines master-abschlusses habe ich mich nicht ohne grund gequält. kopierarbeiten adé - hallo think tank!
das problem: arbeitslosigkeit lol. trotz hinauszögern meines eintritts in den arbeitsmarkt nach corona, ist die weltwirtschaft ähnlich schlimm dran wie 2020.

ich versende bewerbungen in einer ähnlichen frequenz wie ich zeitweise durch dating-profile geswiped bin, nämlich nach dem motto “solange es einigermaßen tauglich aussieht, probieren wir’s mal”. geradezu blumig klingt das aus dem mund der bundesagentur für arbeit:
Dank der Aufgeschlossenheit gegenüber fachfremden Tätigkeitsfeldern verzeichnen Erwerbspersonen mit einem Abschluss der Geisteswissenschaften eine studienfachspezifische Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent, in den Politikwissenschaften nur 4,1 Prozent. (link zur quelle)
mein kompromiss: erstmal ein halbjähriges praktikum absolviert, das gar nicht so einfach zu finden war. auch hier wollten unternehmen am liebsten schon jahrelange, intensive beschäftigung mit dieser spezifischen nische, obwohl es sich literarisch um ein praktikum handelt wtf. schlussendlich wurde ich zwar kaum besser bezahlt als eine minijobberin, obwohl ich mindestens 39h die woche arbeitete, doch wie gesagt, das geld muss halt irgendwie rein. ich lebe in einer großstadt, in der die miete monat für monat beglichen werden muss. ich bildete mir ein, ich könnte durch eine halbe diversity-stelle (in bürosprech “dei” genannt) etwas für die mitarbeitenden tun. hahahah. ich vergoldete das schlechte gewissen des unternehmens und war am ende als erste von gewinneinbrüchen betroffen: meine eine halbe stelle wurde gestrichen, sodass ich am ende vollzeit für einen arbeitsbereich schuften musste, für den ich weder talent noch einen funken interesse übrig hatte.3
heute arbeite ich in einer öffentlichen einrichtung in einer position, für die ich sowohl ein anderes studium als auch keinen masterabschluss gebraucht hätte. dafür bin ich tariflich gesichert, bekomme ein 13. gehalt, weihnachtsgeld sowie einen großstadtbonus. ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich irgendwann in einem büro sitzen würde und das zünglein an der waage wichtiger entscheidungen bin. stattdessen sitze ich zwar in einem eigenen büro, doch ich freue mich vor allem über das privileg einen entfristeten arbeitsvertrag zu haben und tendenziell unter- als überfordert zu sein.
dass mein erster job nach dem studium teilzeit sein wird, stand nicht auf meiner bingo-karte. glücklicher darüber könnte ich heute wohl kaum sein. friedrich m3rz und seine leistungsgesellschaft können mich mal. wenn teilzeit für ihn ein luxusproblem ist, dann ist mein luxus, nicht ständig erschöpft zu sein. sprich: zeit zu haben, um nachzudenken, weil ich ein stückchen weniger funktionieren muss. ich verdiene weniger, als ich es in vollzeit könnte. dafür lebe ich mehr; mein freier freitag ist mir heilig! hihi, nimm das.

dazu ein ganz wundervoller artikel von streetheartsociologist, der genau auf den punkt bringt, warum teilzeit oft überlebensstrategie ist.
ich sehe diesen ‘lifestyle’ als einen kleinen akt der rebellion gegen ein system, das uns einrichtert, wir müssten immer alles geben und selbst teil der ‘hustle culture’ sein. ich werde mich nicht für meinen unwillen entschuldigen und mir darauf gleich nochmal einen matcha mehr gönnen lol

meine anderen ‘realistischen’ posts:
white saviour complex halloooooo
in der marktforschung habe ich es kurzzeitig auch probiert, jedoch war mir die agenturarbeit zu gewissenlos, wenn ich helfen sollte, die werbung für die hunderste hautcreme green-zu-washen und innoviationen verkaufen sollte, wo keine innovation war. sorry not sorry.
spannender weise wurde mir genau für diese stelle am ende meiner tätigkeit dann eine feste stelle angeboten? das war seltsam und verwirrend, aber ist eine gaaanz andere geschichte.







Wow, danke für diesen brutal ehrlichen und tollen Text!!! 🔥 Ich konnte die Desillusionierung, die bestimmt viele von uns kennen, inklusive mir, förmlich schmecken 😵💫 Ich fühle alles sehr was du sagst, danke für deine Stimme, so wichtig in diesen Zeiten ❤️ Irgendwie wurschteln wir uns da schon durch 💪🏼
Du hast so recht! Danke für den tollen Text🤍