Realistisch über-leben
Ich dachte, ich hätte verstanden, was zum Guten Leben™ gehört. Doch dann ist mir aufgefallen, dass ich einen Job habe.
2023, ein Jahr bevor ich mein Studium endlich abschloss, legte ich ein Urlaubssemester ein. Ich wurde krankgeschrieben. In den folgenden sechs Monaten lernte ich, wie viel Schlaf mir guttut, wie viele Nächte ich außerhalb meiner vertrauten vier Wände verbringen kann ohne durchzudrehen und dass mir selbst gekochtes, möglichst unverarbeitetes Essen am besten schmeckt. Ich begann, so oft es ging mit dem Fahrrad zu fahren, Lebensmittel über Too Good To Go zu retten und mein Buch mit in den Park zu nehmen, um einfach mal Gras unter den Füßen zu spüren. Ich hörte tagtäglich Musik und zog kleine Pflanz-Setzlinge auf, die ich zum Spottpreis (da beschädigt und schon fast eingegangen) im Baumarkt ergatterte oder auf Flohmärkten für 2€ erwarb. Zudem ging ich zweimal die Woche ohne Ziel für ein bis zwei Stunden spazieren. Ich romantisierte mein Leben in vollen Zügen und sonnte mich in der Leichtigkeit meines damaligen Seins (obwohl ich dennoch sehr depressiv war, aber das werde ich vermutlich immer bleiben).
Wir spulen vor ins Jetzt, 2026. Ich bin an vielen Tagen frustriert, wie wenig ich meinen alten Routinen nachkomme: auf Too Good To Go war ich schon lange nicht mehr, trotz viel Schlaf fühle ich mich selten erholt und romantisch fühlt sich nicht mehr so viel daran an.
Statt wieder in die Selbstoptimierungsfalle zu tappen und mir neue perfekte Routinen zu überlegen, möchte ich heute mal die Frage beleuchten: Was passiert, wenn das echte Leben dazwischenkommt? Was, wenn ich eigentlich chronisch krank bin und ein ganz anderes Energielevel habe als Pamela Reif? Oder wenn ich nicht selbstständig bin, sondern einen Bürojob ohne Homeoffice und dazu noch ein Leben habe, welches es zu managen gilt?
Die Idealvorstellung: Sich morgens vor der Arbeit oder abends nach Feierabend kurz überwinden, die Sportklamotten mitzunehmen, und sich nach der Trainingseinheit im Fitnessstudio oder der Joggingrunde froh darüber sein, seinen inneren Schweinehund überwunden zu haben. Am Wochenende wird geschwommen oder Tennis spielen gegangen, alternativ tut’s auch mal eine Wanderung zur Abwechslung. Dass man natürlich lieber auf der Couch säße, wird eher mit einem Augenzwinkern gesagt.

Die ätzende Realität: Meiner Erfahrung nach haben meine sportlichen Versuche weder meiner Autoimmunkrankheit geholfen noch meiner mentalen Gesundheit. Während der ersten Corona-Lockdowns habe ich fast ein Jahr lang jeden Tag Home-Workouts gemacht, bin viel Fahrrad gefahren und war joggen. Und doch: Die Energie, die ich den Tag über gehabt hätte, war nach der Trainingseinheit fast vollständig aufgebraucht. Meine Sporteinheiten zogen nicht nur Muskelkater nach sich, sondern Überdehnungen und eine Erschöpfung, die mich den Rest des Tages lahmlegte. Wer mit Lupus, niedrigem Blutdruck oder wiederkehrenden Depressionen lebt, weiß: Der Energievorrat ist einfach ein anderer.
Zusätzlich schlich sich ein anderer Gedanke langsam aber sicher ein: Was ist, wenn ich nicht genug Sport mache, um die positiven Effekte zu spüren? Also stieg ich zweimal täglich auf meine Workout-Matte und ging morgens und abends zum Joggen. Statt meinem Körper etwas Gutes zu tun, eignete ich mir eine Essstörung und ein schräges Körperbild an. Na toll, danke für nichts.
Meine Kompromisse heute: Nur Bewegung, die ich danach nicht bereue, weil sie mir hilft loszulassen und meinen Atem zu lenken.
Achtsame Spaziergänge ohne Kopfhörern in den Ohren
Einmal wöchentlich Yoga gegen die Shrimpification, die sich nach Stunden am Schreibtisch einschleicht
Gerne möchte ich zukünftig noch regelmäßig schwimmen anfangen, aber das Projekt steht derzeit noch in der Pipeline
Die Idealvorstellung: Einmal pro Woche oder alle zwei Wochen wird eingekauft, regelmäßig wird Neues ausprobiert, jeder Teller ist bunt und gespickt mit Frischem. Außerdem ist das Ganze natürlich auch noch günstig, schnell zubereitet, vegetarisch, saisonal und regional.

Die Realität: Die Realität sieht bei uns anders aus: Feierabend. Mein Freund und ich stehen in der Küche und haben weder eingekauft noch die Energie, es nachzuholen. Alle Fertig-Ramen und TK-Pizzen sind aufgebraucht. Das Rezept, das wir letzte Woche abgespeichert haben, verlangt Zutaten, die wir natürlich nicht vorrätig haben.
In unseren Büros gibt es leider keine Kantine, sodass täglich etwas eigenes zum Essen gekauft oder mitgebracht werden muss. Ums Eck gibt es einen relativ teuren Lebensmittelladen, aber es ist leider der einzige, den es bei mir im Viertel gibt. Das letzte Café hat vor gut einem Monat seine Türen geschlossen und musste einem Büro weichen.
Mein Kompromiss heute:
Montags ist Tortellini-Tag. Dafür haben wir immer Tomatensoße, Käse und Tortellini auf Vorrat. Die Zutaten stehen deshalb immer auf dem Einkaufszettel.
TK-Gemüse ist unsere Rettung davor, dass das mal schön frische und ansehliche Gemüse im Kühlschrank vergessen wird.
Wir frieren auch gerne ganze Gerichte ein, wenn zu viel davon übrig ist. Am besten eignen sich dafür Nudelgerichte, Suppen und Eintöpfe.
Die Snackschublade auf der Arbeit wird mit Müsliriegeln gefüllt, bevor sie leer ist.
Auf die Hand gibt es saisonales Obst, das keine Vorbereitung braucht. Dazu zählen beispielsweise Äpfel, Bananen und Mandarinen.
Suppen und Eintöpfe gibt es im Laden um die Ecke.
Und wenn es “nur” eine Breze mit Hummus wird und dazu ein gekaufter Salat: Auch das ist ein Essen.
Die Idealvorstellung: Wochenends küsst mich die Sonne wach und mit einer Tasse Tee in der Hand tänzle ich auf den Balkon. Dort schreibe ich meine Morning-Pages und genieße den Wind, der über mein Gesicht streicht. Den ganzen Vormittag verbringe ich mit Lesen, abends wird gezeichnet. Am nächsten Tag steht ein Museumbesuch an, um auch kulturell informiert zu bleiben. Abends werden Schallplatten gehört, wenn Freund:innen zum Brettspielabend vorbeikommen. Vor lauter Spaß vergessen wir unsere Handys und schießen Erinnerungsfotos mit einer Polaroid-Kamera. Werktags nach der Arbeit verbringe ich meine Abende mit Lesen oder kleinen DIY-Projekten, die ich auf Pinterest gefunden habe und auch tatsächlich umsetze. Alles fühlt sich nicht nur sinnvoll an, sondern macht mir den Kopf frei und lenkt mich von meinen Sorgen ab.
Die ätzende Realität: Wenig Energie trifft auf den hohen Anspruch, dass selbst Hobbys vermarktbar sein sollten (hallo, Substack!). Man will nicht nur etwas tun, sondern dabei auch noch toll aussehen. Doch wer hat schon die Kraft, ständig kreativ, produktiv und dabei auch noch entspannt zu wirken? Statt Morning Pages gibt es oft nur ein ausartendes Scrollen durch den Feed, statt DIY-Projekten ein halbes Jahr ungeöffnete Bastelutensilien im Schrank. Und der Brettspielabend? Fällt aus, weil niemand Bock hat und lieber daheim die Zeit mit Netflix oder Doomscrollen totschlägt.
Mein Kompromiss heute: Ich versuche zu akzeptieren, dass wir inzwischen tendenziell mehr konsumieren als selbst kreieren. Trotzdem möchte ich diese Balance durch kreative Hobbys wieder ins Lot bringen.
Abends vor dem Einschlafen ein paar Seiten lesen, am liebsten als Buchdate gemeinsam mit meinem Freund.
Am Wochenende einen Wecker stellen, um mehr vom Tag zu haben.
Freund:innen mit ins Boot holen, um die Verantwortung zwischen uns beiden aufteilen zu können :D Sich verabreden, um etwas Neues im Privaten auszuprobieren (im April wird vermutlich gefilzt!) oder gemeinsam ein Bastelevent oder einen VHS-Kurs besuchen. Auch ein Treffen im Keramikstudio, um eine Butterdose oder Tasse zu bemalen, ist eine tolle Abwechslung, finde ich.
Beim Elternbesuch meine Mutter fragen, ob sie mir nicht ein paar Reihen stricken beibringen kann. Material ist schon vorhanden und geduldig erklären kann sie auch.
Das Gute Leben™ existiert. Es ist nur meistens nicht das, was mir der Algorithmus zeigt. Es ist nicht der perfekt inszenierte Meal-Prep-Sonntag und jeden Abend ein Hobby, bei dem ich von einer Muse geküsst werde.
Mein Gutes Leben™ ist: Tortellini montags, weil wir keine Lust auf Kochen haben. Spaziergänge, bei denen ich nach 15 Minuten umdrehe, weil ich müde bin. Doch genau dieser Fokus aufs Durchhalten spendet ungeahnten Mut: Mut, eine Zeichnung zu beginnen, auch wenn sie hässlich ist und ich sie niemals weiterverwerten werde. Mut, den Spaziergang zu wagen, auch wenn es eklig und windig draußen ist, denn das Sausen und Pfeifen hilft mir, einen klaren Kopf zu finden und mal richtig durchzuatmen. Mut, auf die Yogamatte zu steigen, obwohl ich mich oft krank und ein bisschen kaputt fühle, und dann zu merken, dass mein Körper zu mehr fähig ist, als ich denke. Mut, einfach mal Sein zu dürfen?!








Hallöchen! :) Ein wirklich toller Beitrag! Ich fühle diesen struggle so sehr!
Finde die Erkentniss total schön, sich ein gutes Leben zu gestalten, MIT einem normalem Job! Ich musste nach dem Lesen etwas darüber nachdenken, warum wir uns überhaupt so absurd hohe Messlatten legen?! Ich tippe definitv auf einen immensen Einfluss von Social Media und dem ständigen Vergleichen! Ich liebe inzwischen solche Sichtweisen auf das Leben, wie deine! Eben NICHT die perfekte Morgenroutine, den idealen Traingsplan etc... ich finde das aller meiste davon so unrealistisch! Daher: danke für deine erfrischende Perspektive! <3
Ooooh kann so relaten! Und dich so gut verstehen! Find es für mich persönlich auch so schwierig Arbeitsleben und Alltag/ Freizeit zu navigieren und hatte auch oft das Gefühl ich muss „Funktionieren“ aber das klappte oft nicht und hab deswegen mehrmals meinen Job gekündigt und mich durch tiefe Täler bewegt. Aktuell versuche ich auch herauszufinden welche Kompromisse ich noch machen will/ kann und was das bedeutet ein gutes Leben zu haben. Natürlich bin ich mir auch immer wieder meiner Privilegien bewusst aber wenn man mit mentalen Problemen zu tun hat ist das manchmal gar nicht so einfach. Danke für die ganzen Ideen/ Tipps und Inspirationen :) und Yoga finde ich auch immer wieder sehr wohltuend