realistisch lieben
what is love? baby, don't hurt me.
wer mich kennt, wird im folgenden text keine rein biografische wiederkau erwarten wie ich die wurde, die ich bin, ohne einen guten schuss systemkritik dazuzugeben. ich kann einfach nicht über liebe(n) sprechen, ohne meine sozialisation zu reflektieren, die ich durch das patriarchat, in dem wir nunmal leben, erfahren habe.
was mir als ‘liebe’ verkauft wurde
der schwerpunkt dieses textes liegt auf lieben-im-romantischen-sinne. das liegt daran, dass es auch in meinem leben schon immer einen großen teil eingenommen hat. dieser text soll weder das patricharchat erklären noch im detail gegen gender-klischees wettern, und dennoch ist mir dieser kurze schlenker wichtig.
wir menschen sind soziale wesen, die in beziehung zu allen anderen um uns herum stehen. nur leider erhalten die verhältnisse zu den männern in unseren leben einen unverhältnismäßig hohen stellenwert. seitdem ich mich erinnern kann, ging es in meinem leben zu großen teilen darum, ordentlich angezogen zu sein, ja nicht zu laut zu lachen oder zu frech zu sein und allen anderen um mich herum mit maximalem respekt zu behandeln. schon im sandkasten wurde vermutlich gemutmaßt, ob ich mal meinen besten freund, mit dem ich die schaufel teilte, heiraten würde. oder ob es doch mein erzfeind aus der grundschule werden würde, der immer gemein zu mir war - wer sich liebt, das neckt sich ja schließlich?
Dass die Körper von Frauen schon ab jungem Mädchenalter objektifiziert und fetischisiert werden, ist nicht nur private Angelegenheit, sondern ein Effekt der patriarchalen Machtstrukturen. Weiblich gelesene Körper werden systematisch dehumanisiert (entmenschlicht / würdelos behandelt), objektifiziert (als Gegenstand betrachtet), wie Waren gehandelt und ausgenutzt, sexualisiert (meist zu Befriedigungszwecken von cis Männern) und fetischisiert (mit einem kollektiven, sexuellen Affekt geladen).
— blog ‘kritische männlichkeit’ (2022), link zur quelle
genau diese reduzierung von frauen / mädchen auf ihre körper, sexualität, heiratsfähigkeit, you name it, geht hand in hand damit einher, eine ausflucht durch “den einen” zu erfahren, der uns sieht - wirklich sieht, nämlich sich mal unseren charakter anschaut, wtf - und von dem wir uns schlussendlich abhängig machen werden. denn das ist alles, was eine frau nunmal braucht. denn wie könnten wir ein glückliches leben ohne die wertschätzung bzw. aufmerksamkeit anderer leute führen??
kein Wunder, dass wir uns schon als teenager in die wildesten pick-me-fantasien flüchteten, in denen wir endlich gesehen wurden: neulich stellten der partner und ich fest, dass als er mit 13 jahren mit seinen jungs auf den straßen unterwegs war und einfach draußen chillte, ich womöglich gerade mit meinen freundinnen eine tanzparty zu 1D (one direction) oder 5sos (5 seconds of summer) abhielte. ich erinnere mich zurück, wie wir ergänzend dazu unsere sehnsucht nach romantik und männlicher aufmerksamkeit mit fanfics und youtube-edits fütterten, in denen man als schüchterner und gleichzeitig wunderschöner hauptcharakter (namens “y/n” für “your name”) natürlich ganz unverhofft die aufmerksamkeit vom persönlichen liebling aus den genannten boybands auf sich zog.

diesem high sind wir dann in kleinerem rahmen hinterhergejagd, als meine freundinnen und ich in der schule eine nach der anderen runde gelaufen sind, in der hoffnung, mit unseren crushes kurz blickkontakt zu haben. in mädchenzeitschriften suchten wir nach (ent-)liebeszaubern und beautytipps, mit hilfe derer wir endlich auf die erhoffte erlösung warteten.
(not so) fun facts
seien es märchen oder die handlung in filmen und serien: mädchen und frauen werden geschichten anerzogen, die von ihrer passivität handeln. zunächst sind es märchen von prinzessinnen, die von einem prinzen gerettet werden müssen, danach dreht sich bei den ‘frechen mädchen’ alles nur noch um körpervergleiche und die aufmerksamkeit von jungs.

ist es demnach noch verwunderlich, dass sich weibliche teenies danach gesehnt haben, von einem heißbegehrten popstar auserwählt zu werden? ich bin jedenfalls froh, inzwischen nicht mehr in diesem engen genre von kinder- und jugendbüchern gefangen zu sein und eine riesengroße auswahl an literatur zu haben, die in meiner bücherei auf mich wartet.
diese erlösung kam natürlich seltenst. sowas wie dating - geschweige denn eine beziehung - passierte nur den coolen mädels aka nicht mir. wir träumten … strange dinge, wenn ich ehrlich bin. ich erinnere mich noch, wie mein fünftklass-schwarm zu einer freundin von mir meinte: “wie ich conni finde? die ist mit mir zusammen im chor, die ist irgendwie komisch“. eine relativ klare aussage, meiner jetzigen meinung nach. was haben wir damals gemacht? jeedes einzelne wort seziert und wieder zusammengesetzt, bis wir uns die interpretation hergeleitet haben, die irgendwie über acht ecken bestätigt, dass er mich gut findet - ‘komisch’ könnte ja schließlich auch ‘witzig’ und nicht ‘seltsam’ bedeuten lol.
meine realität
(cn: s-xualisierte gewalt)
leider wiederholte sich dieses muster gut zehn jahre lang, wonach ich ständig uninteressierten (und sind wir ehrlich: unfähigen) mennern hinterhergejagt bin, bis ich einen funken selbstachtung aufgebaut habe. in diesen jahren habe ich allerhand exemplare abgestaubt, die deutschland an mennern zu bieten hat: ich erfuhr übergriffe durch
meinen fahrlehrer, der seine machtposition und den fehlenden fluchtweg des fahrenden autos ausgenutzt hat
einen bekannten, der meinen betrunkenen zustand ausgenutzt hat, sodass ich mich nicht wehren konnte
verschiedene s-xualpartner, die mit mir wie ein stück fleisch gesprochen haben (das ich obviously auch für sie war)
meinen ex
der mich wegen einer meiner schlimmsten erfahrungen geslutshamed hat und mich wiederholt verbal angegangen ist
der mir ua. verboten hat, in unserer gemeinsamen wohnung warmes wasser zu benutzen, weil das kosten sparen würde (wtf?)
der mir ua. egelmäßig vorgehalten hat, was für ein schlechter und unnützer mensch ich wäre, samt allen möglichen gründen, weshalb ich nicht liebenswert sei und froh sein sollte, dass er uns noch eine letzte chance gibt
um nur ein paar zwischenfälle zu nennen :)
es fällt mir nicht ganz leicht, all dies aufzuschreiben. trotz therapeutischer begleitung gab es eine zeit, in der es sich wie eine persönliche niederlage angefühlt hat, dass diese dinge mir passiert sind, obwohl ich mich doch immer so stark und unabhängig gefühlt habe. mir war so unwohl dabei, wie als plaudere ich ein gut gehütetes geheimnis aus und hintergehe die andere person. inzwischen weiß ich, dass nichts davon meine schuld war. und auch wenn diese personen selbst opfer von schwierigen männerbildern waren, sind diejenigen es, die sich schämen sollten, nicht ich.
da sind wir wieder beim thema passivität: warum kann nicht darüber mal ein ‘freche mädchen’-band geschrieben werden?? weitere quirky vorschläge, die zum thema ✨girlhood✨ auch mal ausgearbeitet werden könnten:
recherchen, wie ich mich kleiden und verhalten muss, um auf dem heimweg nachts möglichst unattraktiv und uninteressant auf potenzielle täter zu wirken
sätze am ende des treffens mit freundinnen wie “schreib mir, wenn du zuhause angekommen bist”, die aber ernst gemeint sind
die hand auf den drinks im club oder in der bar, damit uns hoffentlich nichts untergemischt wird
vielleicht enthalten die glaubenssätze, die mir anerzogen wurden, also doch einen kern wahrheit… realistisch gesehen begegnen frauen sehr vielen menners, bis dann mal der einetm daherkommt, der ihnen ✨nichts antun will✨. vielleicht ist es so wie mit “der komischen conni” damals: diese wörter sind doppeldeutig und doch gehen alle davon aus, dass wir dasselbe meinen.
puh. durchatmen. kurze süße-tiere-pause:



nachfolgend gibt es von meinem happy end zu lesen
✿ hier stehe ich jetzt ✿
und nun möchte ich nochmals gaaanz kurz auf den anfang zurückkommen. liebe existiert nicht nur in (m)einer paarbeziehung, sondern auch in form von freundschaft, solidarität untereinander auf demos und in kollektiven. ich sehe liebe in form von freundlichkeit, sorge, kleinen gesten, aufmunterndem zunicken, handgeschriebenen karten. liebe ist für mich die reinste form von menschlichkeit.
ich bin (leider noch) keine expertin in philosophie, und doch bin ich schon seit kindheitstagen vom alten griechenland und alten rom fasziniert, in denen sich die menschen schon ähnliche existenzielle fragen gestellt haben, wie sie mir nachts um zwei (oder sind wir ehrlich, auch mittags um eins) durch den kopf gehen. also bitte, bitte nehmt das, was ich im folgenden schreiben werde, nicht für voll und seht mir nach, dass ich diese begriffe aus keiner wissenschaftlichen quelle herangezogen habe, um meinen punkt klar zu machen. dankeee
agape — bedingungslose, selbstlose liebe für alle und alles
klingt für mich nach einer gutmütigen, großzügigen und zugewandten lebenseinstellung gegenüber menschen, tiere, pflanzen und alles weitere, womit wir uns das universum teilen. das ist auch mein ideal, jedoch dämpft mich jegliche tagespolitik daran, den glauben an die menschen - und vor allem das gute in den menschen - aufrecht zu erhalten.
✿ ich lese regelmäßig ganz bewusst ‘good news’, die ja auch auf der welt passieren, aber nicht so viel aufmerksamkeit bekommen wie rage bait oder einfach negative schlagzeilen
✿ themenbereiche, die für mich diese hoffnung beinhalten oder fördern sind: kreislaufwirtschaft, solar-punk, indigenes wissen, queer-feminismus. ich versuche mit ihnen z.b. über bücher, musik, filme, pinterest für praxistipps/anleitungen in verbindung zu treten.
eros — se6uelle und leidenschaftliche liebe
wie ich bereits angerissen habe, habe ich mehr als genug erfahrungen mit menners gesammelt, um eigentlich in heterofatalismus zu verfallen. sehe ich mir die menners über meinem tellerrand, nämlich in den medien, an, wird mir sogar ganz übel: lindemann, ulmen, trump, woody allen, epstein - man kennt die namen inzwischen (und vergisst die hälfte wieder, weil es SO VIELE sind) .
und doch (oder genau wegen meiner abscheu gegenüber dem großteil an männern - äh menners?) habe ich seit ein paar jahren einen partner an meiner seite. bei ihm fühle ich mich so gut aufgehoben und noch so vieles mehr, dass es mir schwer fällt, nicht wieder in genau dieses vokabular zu verfallen, das mir früher so viel widersprüchliches anerzogen und mein herz vergiftet hat.
“die liebe meines lebens” möchte ich sagen, wenn ich doch eigentlich nur die großen, schönen gefühle beschreiben mag, die dieser wunderbare mensch in mir auslöst.
„mein kopf, der früher ein gefängnis war, ist zu einem atelier für ideen und verrückte kunstwerke geworden, die du gerne mit mir zusammen betrachtest.“ heute würde ich es eher als eine galerie beschreiben, in der immer wieder andere kunstwerke ausgestellt sind, die wir aus verschiedenen blickwinkeln betrachten, während wir durch die reihen schlendern. diese metapher gefällt mir.
- aus meinem text “vom gehen und bleiben“, link
ich bin überzeugt, dass ich mit meinem partner alle höhen und tiefen meistern kann. wir wachsen an und für einander, und lieben dennoch jede ruhephase dazwischen.
✿ check-ins, in denen wir uns ehrlich und offen damit auseinander setzen, was gerade gut läuft,
✿ es gilt immer der grundsatz “wir gegen das problem, nicht du versus ich”. für mich sind gute beziehungen keine machtkämpfe (mehr), die es zu gewinnen gilt. umgekehrt möchte nicht nicht, dass einer von uns beiden das gefühl hat, ständig einstecken zu müssen und keinen platz zu haben.
✿ uvm.
philia —freundschaftliche zuneigung, die auf tiefem vertrauen und gegenseitigem respekt beruht
dieser bereich hier ist definitiv ausbaufähig. ich habe wenige “eigene” freunde, vielmehr wurde ich in die freundeskreise meines partners aufgenommen. dafür bin ich sehr dankbar, da ich noch nie wirklich beliebt war oder längerfristige, tiefgehende freundschaften hatte. die details hierzu habe ich in einem anderen artikel schon einmal diskutiert. ich vermisse die intensität, wie ich früher in der grundschule oder unterstufe dachte eine “schwester im geiste” gefunden zu haben und das leben miteinander zu teilen. mal sehen, was sich da zukünftig ergibt :)
✿ aktuell habe ich mich wieder auf bumble bff angemeldet und zwinge mich, den menschen regelmäßig zu antworten.
✿ außerdem habe ich mir als challenge gesetzt, immer ein bis zwei sätze mehr mit jemandem zu sprechen, als ich müsste, wenn sich der vibe gut anfühlt (bspw. mit der barista in meinem lieblingscafé, der netten buchhändlerin im buchladen um die ecke, etc.)
✿ ich bin gerne gastgeberin und habe leute in unserer wohnung. wir versuchen, so regelmäßig wie möglich anlässe dafür zu finden.
philautia — selbstliebe und selbstmitgefühl
für mich das gegenstück zu agape: mit sich selbst so liebevoll umzugehen, wie ich das als empathischer, aufgeschlossener mensch auch allen anderen menschen gegenüber tagtäglich tue.
✿ ich schreibe regelmäßig in mein tagebuch ein kleines check-in, wie ich das auch mit meinem partner mache: was ist gut gelaufen in letzter zeit? woran hat es gehackt? was will ich zukünftig mehr machen? wovon träume ich?
✿ was ganz neu für mich ist: weinen. seit ich keine medikamente mehr zu mir nehme (antidepressiva haben mein leben gerettet, jetzt ist jedoch nicht mehr die zeit dafür), schießen mir bei der kleinsten tierrettungsaktion / selbstgeschriebenen song / usw auf tiktok die tränen in die augen. ich habe viele, viele jahre lang nicht weinen können, und daher fühlt sich das total komisch an, aber mir ist wichtig meine eigenen gefühle zu sehen und ernstzunehmen.
storge — liebe zwischen familienmitgliedern
ich bin einzige tochte und jüngeres schwesterchen. bis heute bekomme ich einen knoten im bauch, wenn ich auf meinen bruder angesprochen werde oder über meine kindheit und jugend nachdenke. ohne eine liebende oma aufgewachsen, habe ich oft das gefühl, einzelgängerin in meiner eigenen familie zu sein, und tue mir schwer dabei, mir den halt zu geben, der mir von meiner biologischen familie hätte gegeben werden können/sollen.
ich hoffe, diese familie irgendwann aus den lieben menschen zusammensetzen zu können, die ich bis dato meine freund:innen genannt habe. dazu brauche ich aber erstmal friends … ihr seht meinen struggle.
es gibt auch weitere arten der liebe, die an dieser stelle für mich zu weit führen.
pragma — eine dauerhafte liebe, die auf engagement, pflichtbewusstsein und verantwortung beruht
ludus — verspielte liebe, die mit flirten und lockeren beziehungen einhergeht
mania — besessene, eifersüchtige liebe
hättet ihr bock auf eine fortsetzung? hit me up!
zum abschluss meine anderen posts zum realistischen leben:






So schön Conni 🥹 hab mich echt gefreut, mehr von dir zu lesen. Danke, dass du so offen und thoughtful deine Gedanken teilst.
Conni, was ein Mega Text war das bitte? Danke das du deine Erfahrungen und Gedanken so offen mit uns teilst.
Crazy, was du da beschrieben hattest und so hab ich mich gedancklich auch wieder in der Grundschule gefunden. Gruselig das das wirklich so n Ding war den Crushs aufzufallen und wenn man tiefer gräbt wie verrückt einem das mitgegeben wurde als Mädchen.
Meine Omi meinte immer zu mir, ich solle immer passende und schöne Unterwäsche anhaben das sei wichtig, falls man mal ins Krankenhaus kommen würde. Hätte man da
Falsche Unterwäsche an, Ja was denken denn dann die Leute? Wtf
Danke für deinen Text 💕🤍